Trauerarbeit aktiv gestalten
Dieser Begriff wurde erstmalig von Sigmund Freud, dem Begründer der modernen
Psychoanalyse, verwendet. Damit vollzog er einen radikalen Wechsel im
Trauerverständnis: Über Jahrhunderte galt Trauer als ein Prozess, dem
man als Betroffener ausgesetzt war. Irgendwann, so lehrte es die
Erfahrung, hatte die Zeit die meisten Wunden geheilt. Richtig
verstanden ist Trauer aber ein aktiver Prozess, den sich der Trauernde
zwar nicht auswählt, den er aber gestalten kann und muss. Das ist
Arbeit, ja, manchmal sogar Schwerstarbeit für die Seele des Trauernden.
Deshalb ist auch der Begriff "Traueraufgabe" zutreffender als der
Begriff "Trauerphase". Es gibt vier Aufgaben für Trauernde.
1. Annahme des Verlustes
Es gibt verschiedene innere Widerstände, die Trauernde daran hindern können, den Tod wirklich als Verlust annehmen zu können.
Die häufigsten sind:
- Leugnung des Verlustes: "Er ist gar nicht tot er ist verreist."
- "Einfrieren" des Zustandes vor dem Tod. Gegenstände, die der
Verstorbene benutzt hat, ja, ganze Räume werden so belassen oder
täglich hergerichtet, als sei er noch da
- "Komplettentfernung" des Verstorbenen und der Gegenstände, die er
verwendet hat. Das ist die exakt gegenteilige Verhaltensweise zum
"Einfrieren"
- die Bedeutung des Verlustes wird innerlich verkleinert: Aus der
guten Mutter wird die "Rabenmutter", der gute Freund wird zum
entfernten Bekannten
- Leugnung der Endgültigkeit des Todes. Hier können verschiedene
Verhaltensweisen wahrgenommen werden. Diese reichen von der aktiven
Absage an die Toten: "Ich will nicht, dass Du tot bist, ich lass das
gar nicht zu!" bis zu Kontaktaufnahmen mit Verstorbenen in
spiritistischen Sitzungen.
Soll am Ende der Trauerarbeit das Leben wirklich wieder lebenswert
sein, dann muss der Trauernde die inneren Widerstände abarbeiten.
Vielen gelingt das! Diejenigen, denen die Kraft und der Mut fehlen, aus
den Illusionen herauszutreten, brauchen professionelle Hilfe, sonst
bekommt die Trauer irgendwann krankmachende Züge.
2. Den Schmerz fühlen
Was so selbstverständlich klingt, erweist sich in der Wirklichkeit
oft als extrem schwierig. Viele Menschen haben wirklich nach dem
Sterben eines Angehörigen nicht nur seelische, sondern auch körperliche
Schmerzen. Doch was bei Krankheit vollkommen normal und akzeptiert ist,
das scheint bei Trauer nicht zu gelten. Gefühle zu zeigen und
vielleicht sogar noch öffentlich, das scheint nicht in die Zeit, die
Gesellschaft und in den Kulturkreis zu passen. Manchmal ist man fast
unangenehm davon berührt, wenn in den Medien Berichte gezeigt werden,
in denen Menschen aus anderen Kulturkreisen ihren Verlustschmerz
öffentlich und scheinbar ungehemmt ausdrücken. Ablenkung ("Wir machen
einen Ausflug!") und Trost ("Du schaffst das schon, Du bist ja stark!")
sind bei der Bearbeitung der zweiten Traueraufgabe keine guten
Lösungsvorschläge. Der Trauernde kann dadurch leicht den Eindruck
gewinnen, dass er in den Augen seiner Umwelt zu sehr trauert. Wer
dieses Gefühl hat, wird das leicht als Ansage (miss)verstehen, seinen
Trauerschmerz gar nicht, keinesfalls aber öffentlich zu zeigen. Damit
werden häufig Muster, die in unserer Seele abrufbereit sind, aktiviert:
Flucht in die Empfindungslosigkeit, inneres Verbot, bestimmte, Schmerz
auslösende Gedanken zu denken, oder häufiger Ortswechsel, um den
Erinnerungen und den damit verbundenen Schmerzen zu entfliehen. Der
Schmerz sollte herausgelassen werden! Denn nicht ausgelebter
Trauerschmerz meldet sich wieder, das belegen wissenschaftliche
Studien, meist in Form von "Depressionen". Die spätere Bearbeitung des
Trauerschmerzes ist auch deshalb schwieriger, weil sich im Lauf der
Zeit unsere Systeme und Beziehungen ändern. Das heißt: Trauernde werden
beispielsweise in acht Jahren nicht mehr die Unterstützung der
Angehörigen und Freunde erhalten, die unmittelbar nach dem Sterben
Ihres Angehörigen selbstverständlich ist.
3. Veränderung
Erst nach einer gewissen Zeit wird der Trauernde im Tiefsten
erkennen, dass mit dem Verstorbenen nicht nur der Ehemann oder die
Ehefrau, der Partner oder die Partnerin gestorben ist. Je nachdem, wie
man miteinander gelebt hat, waren Aufgaben und Funktionen klar
verteilt. Und so stirbt mit diesem Menschen unter Umständen der
Geldverdiener, der beste Kamerad, der Einkäufer, der Koch, der
Hausmeister, der Zuhörer, der Sexualpartner,… Die Reihe ist bei jedem
Menschen anders und meist viel länger. Viele Trauernde sind an dem
Punkt, wo sie diese Dimension des Verlustes wahrnehmen, wie geschockt
und völlig hilflos. "Das schaff ich niemals alleine!" - Dieser Satz ist
typisch für eine solche Erfahrung von Hilflosigkeit. Trauerarbeit
verlangt an diesem Punkt ein hohes Maß an Veränderungsbereitschaft.
Ganz oft entdecken Trauernde jetzt, dass sie Fertigkeiten besitzen, die
sie vorher nie gebraucht haben, weil der Verstorbene diese Aufgabe
übernommen hatte.
Jede allein gemeisterte Situation, jede Übernahme neuer Verantwortung -
wie groß oder klein auch immer - ist ein Schlüsselerlebnis in der
Trauerarbeit. Wem es als Trauerndem gelingt, sich der veränderten
Situation zu stellen und sie Schritt für Schritt zu meistern, der macht
echte Fortschritte. Denn dahinter steckt die klare Ansage: Weil Du
nicht mehr da bist, muss ich Dinge tun, die Du mir bisher abgenommen
hast. Im Inneren dieses Trauernden hat eine Revision und Neuausrichtung
des eigenen Lebens begonnen. Wer an diesem Punkt Stillstand,
Hilflosigkeit und Mutlosigkeit nicht allein überwinden kann, sollte
sich fachliche Hilfe gönnen, auch wenn diese ihren Preis hat. Es geht
um zu viel, es geht um die Lebensperspektive.
4. Loslassen und Weitergehen
Wer gerade bei der Bearbeitung der ersten Traueraufgabe ist, wird
diese Überschrift vielleicht mit Kopfschütteln oder einem inneren
"Niemals!" quittieren. Vollkommen in Ordnung. Wer dagegen das Gefühl
hat, sich intensiv in einem Veränderungsprozess zu befinden, dem wird
es Ihnen leichter fallen, zu verstehen, worum es in dieser letzten
Aufgabe geht.
Sich vom Verstorbenen loszulösen, den eigenen Gefühlen eine
Neuausrichtung zu erlauben, ist unendlich schwer. Viele Trauernde haben
den Eindruck, dass sie Verrat an ihrem Verstorbenen begehen, wenn sich
ihre Gefühle für den Verstorbenen verändern, "versachlichen". Besonders
dann, wenn der Verstorbene der Ehe- oder Lebenspartner war. Wenn sie
dann auch eine neue Liebe oder eine neue Beziehung zulassen, kommen
nicht selten massive Vorwürfe aus dem menschlichen Umfeld dazu. "Bis
der Tod Euch scheidet!", so lautet eine häufig verwendete Trauformel.
Diese Formel zeigt damit die natürliche Grenze von Bindungen auf: den
Tod. Im Gegensatz dazu sind freiwillige Versprechen wie: "Wenn Du
stirbst, werde ich mich niemals mehr verlieben!", sicher ein Ausdruck
von tiefer Liebe, aber trotzdem lebensfeindlich.
Menschen haben eine kostbare Fähigkeit: die Erinnerung. Mit Ihrer
Hilfe können sie ganz in der Gegenwart leben und haben gleichzeitig
eine innere Brücke in die Vergangenheit. Für die Bearbeitung der
vierten Traueraufgabe kann das bedeuten: Ich kann und darf heute einen
Menschen lieb haben. Und deswegen habe ich meinen Verstorbenen nicht
weniger lieb.
Zeit
Wie lange dauert Trauerarbeit? Eine verständliche, aber
unbeantwortbare Frage. Immer wieder werden Fristen und Zeiträume als
Rahmen und Orientierungshilfe benannt. Ehrlich ist es aber zu sagen:
Schnell geht es nicht, Trauer braucht Zeit. Wie viel, hängt von ganz
vielen Faktoren ab: Welcher Art war die Beziehung zum Verstorbenen?
Konnte man sich auf sein Sterben vorbereiten? Wie viel Zeit kann für
Trauerarbeit aufgebracht werden? Wo gibt es Hindernisse und Blockaden
bei der Bearbeitung der Traueraufgaben?
Als Indiz für das Ende der Trauerzeit gilt allgemein, dass an den
Verstorbenen gedacht werden kann, ohne dabei Schmerz zu empfinden. Der
Großteil der Trauernden erreicht diese Befindlichkeit irgendwann. Aber
es gibt auch Menschen, bei denen im Lauf der Zeit nur die Intensität
der Trauer nachlässt, die Trauer selber aber nie ganz aufhört. Hilfe
bei diesem langen Weg in Anspruch zu nehmen, ist deshalb eher ein
Zeichen von Stärke als von Schwäche.
Suizid
Der Tod hinterlässt fast immer eine Wunde, Trauer ist meistens ein
schwerer und bitterer Weg. Trotzdem scheint häufig die Trauerarbeit für
Hinterbliebene nach einem Suizid nochmals schwerer zu sein. Menschen,
die die Nachricht von einem Suizid erhalten haben, reagieren zunächst
ähnlich wie Angehörige von Unfallopfern. Neben der Verneinung ("Das
kann gar nicht sein!") steht beim Suizid häufig auch die Suche nach
eigenem Versagen im Vordergrund. Manchmal kennen Angehörige das Motiv
für den Suizid, auch Freitod oder Selbsttötung genannt, gar nicht.
Deshalb sind auch Wut und Verzweiflung über den Verstorbenen etwas
Normales. Der Suizid eines nahen Verwandten löst bei den Angehörigen
auch Scham aus. Das macht den Trauerweg und die Trauerarbeit zusätzlich
schwer, weil man mit der Trauer häufig allein fertig werden will. Da
auch die Gesellschaft Betroffene oft wie stigmatisiert behandelt, eine
verständliche Reaktion. Ein Kreislauf von Schweigen und Verdrängung ist
vielfach die Folge.
Da die Trauerarbeit schon beim Abschied und bei der Bestattung
beginnt, sollte gleichermaßen respektvoll wie auch ehrlich mit dem
Verstorbenen und seinem frei gewählten Weg umgegangen werden. Damit
geben die Trauernden auch ein Signal an Freunde und Bekannte: "Geht
normal und offen mit uns um. Wir sind ansprechbar." Das ist sicher
nicht leicht, aber es weist in die richtige Richtung. Respekt vor der
sicher manchmal unverständlichen Entscheidung des Verstorbenen zu
gewinnen, ist unterstützender als die Frage: "Wie hätte ich den Suizid
verhindern können?"